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(Herkunft) Liebe unter violetten Palmen
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(offline)
Erstellt: 08.02.2004 14:06
Geändert: 08.02.2004 14:10 von admin
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Berliner Morgenpost vom 8.2.04 zur Berlinale
Schwule und lesbische Filme als Schwerpunkt im Panorama
****************************************************************************
Gut möglich, dass in diesem Jahr nach langer Zeit wieder ein Teddy Award, der
lesbisch-schwule Filmpreis der Berlinale, an eine deutsche Produktion geht.
Achim von Borries Film "Was nützt die Liebe in Gedanken" (Panorama) mit Daniel
Brühl und August Diehl in den Hauptrollen rollt die so genannten "Steglitzer
Schülertragödie" aus der Weimarer Republik noch einmal auf, eine
tragisch-dramatische Dreiecksliebesgeschichte mit herausragenden Darstellern,
Drama und Leidenschaft - und das alles auch noch in poetischen Bildern.
Schöne Bilder sind auch das Handwerk des US-Starfotografen Bruce Weber, der sich
seit einigen Jahren auch als Dokumentarfilmer profiliert. In "A Letter to True"
(Panorama), einem filmischen Brief an seinen Lieblingshund True, collagiert
Weber Aufnahmen aus seinem Privatleben: schöne Menschen, jede Menge Golden
Retriever und ein Leben im Naturidyll.
Auf ganz andere Weise macht der Berliner Fotograf und Experimentalfilmer Michael
Brynntrup sein eigenes Leben zum Dauerthema seiner künstlerischen Beschäftigung.
"E.K.G. Expositus" (Forum), mit 101 Minuten sein erster abendfüllender Film,
erscheint wie eine Art Resümee seiner bisherigen Arbeiten: Mit vielfältigen
technischen Spielereien, selbstironischen Brechungen, zum Teil höchst
unterhaltsamen und humorvollen Einfällen reflektiert er das eigene Selbstbild,
aber zugleich auch die eigene künstlerische wie die mediale Auseinandersetzung.
Beim amerikanischen Filmemacher Todd Verow handelt es sich indes um bloße
Selbstinszenierung und Eitelkeit. In dem autobiografischen Spielfilm "Anonymus"
(Panorama) erlebt man den Regisseur als gelangweilten Angestellten eines
Multiplex-Kinos, der seine Erfüllung in anonymen sexuellen Begegnungen findet.
Sexuell noch deutlicher wird Bruce La Bruce. Sein neuer, in Berlin gedrehter
Film "The Raspberry Reich" (Panorama) dürfte aus zweierlei Gründen für
Diskussionen sorgen: Einerseits seine saloppe Auseinandersetzung mit dem Kult um
RAF und den Terrorismus der siebziger Jahre, andererseits durch seine
knallharten Sexszenen.
Axel Schock
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Die Morde in der Albrechtstraße
Sie waren vier Freunde, und am Ende waren zwei von ihnen tot. "Steglitzer
Schülertragödie" hieß das 1927. Am Dienstag feiert die Verfilmung auf der
Berlinale Premiere: "Was nützt die Liebe in Gedanken" von Achim von Borries. Was
geschah damals wirklich?
Von Felix Müller
Das Telefon klingelt um 7 Uhr 10. Dr. Erich Freund, Allgemeinmediziner in
Berlin-Südende, hört schon an der Stimme der Anruferin, dass etwas nicht stimmt.
Er müsse sofort zur Wohnung der Schellers kommen, in die Steglitzer
Albrechtstraße 72c, sagt die Stimme. Es sei ein Unglück geschehen. Als er zwölf
Minuten später dort eintrifft, empfängt ihn Hilde Scheller an der Treppe.
"Kommen Sie schnell", schreit sie ihm entgegen, "ich glaube, mein Bruder
stirbt!"
Es ist Dienstag, der 28. Juni 1927. Obwohl Dr. Freund seit Jahren der Hausarzt
der Familie Scheller ist, weiß er nicht, was ihn in der Wohnung der wohlhabenden
Kaufmannsleute erwarten könnte. Eigentlich dürften nur die Kinder Hilde und
Günther da sein, weil die Eltern ihren Urlaub in Kopenhagen verbringen. Der Arzt
hastet die Treppen hinauf und betritt die Wohnung. Im Schlafzimmer bietet sich
ihm ein entsetzliches Bild. In einer Nische zwischen Schrank und Wand findet er
den Körper des Kochlehrlings Hans Stephan, 19 Jahre alt, erschossen. Am Boden
liegt Hilde Schellers Bruder Günther mit einer Schusswunde in der Schläfe. Er
gibt noch Lebenszeichen von sich. Aber als der Krankenwagen eintrifft, ist er
bereits tot.
Noch eine vierte Person befindet sich in der Wohnung: Paul Krantz, Oberprimaner
an einer Oberrealschule in Mariendorf, ebenfalls 19 Jahre alt. Der schmächtige
Junge zittert ein wenig, auch ist er bleich, doch als wenig später die
Polizisten am Tatort eintreffen, erscheint er den Beamten auf eine schon
seltsame Weise ruhig.
Die rätselhaften Vorgänge an diesem Morgen werden die Zeitungen der Hauptstadt
noch für Monate beschäftigen. Schnell ist der Begriff der "Steglitzer
Schülertragödie" geprägt, und als im Februar 1928 der Prozess vor dem Moabiter
Schwurgericht beginnt, bringt die "Berliner Morgenpost" auf den Punkt, was die
Faszination des Falls ausmacht: "Liebe, Hass und Tod sind die bewegenden Mächte
in diesem Drama, das zuweilen eine schauerliche Verwirrung der Gefühle junger
Menschen aufzeigt, die ganz ihrem Triebleben nachgeben und dadurch den
gefährlichen Übergang vom Kindesalter zur Mannes- und Weibesreife nicht ohne
Schaden überstehen können."
Der Korridor vor dem Verhandlungssaal muss wegen des großen Andrangs mit Bänken
abgeriegelt werden. Vor dem Richter steht Paul Krantz. Die Anklage lautet auf
Mord.
Paul Krantz Der 19-jährige Primaner ist eine eigenwillige Figur, introvertiert
und gefühlsverhangen, zugleich erfüllt von nachtdunklen, morbiden Phantasien.
Mit dem verstorbenen Günther Scheller war er jahrelang befreundet gewesen. Im
Frühjahr 1927 lernte er dessen Schwester Hilde kennen und verliebte sich in sie.
Dem Landgerichtsdirektor Dust liegt ein Gedicht vor, das Krantz seiner Liebe
gewidmet hat, es ist lange vor der Tat entstanden: Auf dem Boden liegt die
Leiche/meines Freundes Robert Krause./Aus der Wunde sickert langsam/Rotes Blut
zur grauen Erde./Neben ihm sitzt stieren Blickes/Er, der ihn gemordet hat/Es
verglimmt die Zigarette/Zitternd in der Mörderhand. Am Montagabend hatte Paul
mit Hilde geschlafen, draußen im Sommerhaus der Schellers in Mahlow. Am
Dienstagabend muss er sie mit Hans Stephan im Schlafzimmer angetroffen haben.
Und solche Gedichte habe er geschrieben, erklärt Paul, um zu zeigen, dass er
ebenso form- und reimlos dichten könne wie sein großes Vorbild, wie Klabund.
Landgerichtsdirektor Dust schweigt und vergräbt sein Gesicht in seiner rechten
Hand.
Hans Stephan Viel wissen wir nicht über Hans Stephan, der in jener Juninacht
ermordet wurde. Der Roman "Der Selbstmörder-Klub" von Arno Meyer zu Küingdorf,
vor einigen Jahren erschienen, zeichnet ihn als weichen und gleichwohl
aufdringlichen Charakter mit "verdutztem Babygesicht". Sicher lässt sich heute
sagen, dass Hans Stephan, Kochlehrling aus Friedenau, am Abend vor der Tat mit
Hilde Scheller verabredet war. Sie wollten sich allein in der Wohnung von Hildes
Eltern treffen - die waren im Urlaub, und Hildes Bruder Günther und sein Freund
Paul wollten die Nacht eigentlich in Mahlow verbringen.
"Ich stand am Fenster und wartete", sagt Hilde Scheller vor Gericht, "da sah ich
Günther und Paul kommen. Das war mir unangenehm, denn Hans Stephan und Günther
waren verfeindet."
Landgerichtsdirektor Dust mag ins Grübeln verfallen sein. Verfeindet? Hans
Stephan und Günther?
Die Steglitzer Schülertragödie war mehr als ein Eifersuchtsdrama. Sie reichte in
Tiefen, in die die Weimarer Öffentlichkeit des Jahres 1927 eigentlich nicht
blicken wollte. Die "Berliner Morgenpost" sprach von einem "grellen
Schlaglicht", "das diese Tragödie auf die geistige und moralische Verfassung
eines Teils der heranwachsenden Jugend wirft". Und im Zentrum des Lichtkegels
stand ein Geschwisterpaar: Hildegard Scheller, Hilde genannt. Und ihr Bruder
Günther.
Hilde Scheller
Wenn sich etwas mit Gewissheit über Hilde Scheller sagen lässt, dann wohl, dass
sie mit ihren 16 Jahren bereits einen sehr starken Reiz auf Männer ausgeübt
haben muss. Sie tritt vor Gericht als Hauptzeugin auf. Von Paul Krantz bekam sie
regelmäßig fiebrige Gedichte: Die wilde Glut in Deinen Küssen/entfachte meine
Leidenschaft. Und auch Hans Stephan wollte sich nicht von ihr lossagen. Nach
ihrem Auftritt vor Gericht räumt die Berliner Lokalpresse für Hilde ihre
Titelseiten leer. Sie steht selbstbewusst, ruhig und gefasst vor dem Richter,
und doch fühlt sie sich in die Ecke gedrängt. In ihrer Not schreibt sie an Karl
Kraus, und der wiederum schimpft in seiner "Fackel" über "die Hetzjagd auf ein
junges Mädchen", das sittlich jedoch "noch turmhoch über dem Babel" stehe,
"dessen Honoratioren sich da des Sittenamts vermessen." Tatsächlich werden die
Gemüter immer erhitzter, das Geschrei im Blätterwald von Tag zu Tag lauter. Ein
entscheidender Grund liegt in dem, was Hilde Scheller über ihren Bruder erzählt.
Günther Scheller
Schon zu einem frühen Zeitpunkt des Prozesses war in den Zeitungen das Wort von
den "anormalen Neigungen" Günther Schellers aufgetaucht. Gemeint war etwas aus
heutiger Sicht sehr Normales: Seine Homosexualität. Sanitätsrat Magnus
Hirschfeld, als Sachverständiger vor Gericht geladen, fragt Hilde, ob es wahr
sei, dass Günther oftmals in der Kleidung der Schwester spazieren gegangen sei
und "als Dame frisiert ins Damenbad in Mahlow". Sie bejaht: "Das war ekelhaft,
aber es sah nicht weibisch aus". Günther Scheller fuhr verschiedentlich mit
Männern in den Urlaub. Vor seinem Vater versuchte er seine Neigung geheim zu
halten - bis Hans Stephan diesem offenbar davon erzählte. Ohne dieses Detail
kann die entscheidende Frage nicht beantwortet werden: Was genau geschah am
Morgen des 28. Juni 1927 in der Albrechtstraße 72c in Berlin-Steglitz?
Eigentlich hatten Günther und Paul die Nacht im Mahlower Sommerhaus verbringen
wollen. In emotionalem Überschwang hatten sie sich gemeinsam in morbide
Phantasien hineingesteigert, die in wilden Selbstmordgedanken gipfelten -
verstärkt noch von dem Revolver, den Paul mit sich trug. Spontan entschieden
sich die Freunde, zur Steglitzer Wohnung zurückzukehren. Dort bemerkten sie die
Anwesenheit Hans Stephans, der sich mit Hilde Scheller ins Schlafzimmer
zurückgezogen hatte. Paul Krantz mag von Eifersucht geplagt gewesen sein,
Günther von wildem Hass auf den Verräter. Und so muss er entstanden sein: Der
Plan, alle vier zu töten, nacheinander. Ein kollektiver Selbstmord. Ein Exzess.
Eine Tragödie.
Warum es schließlich am frühen Morgen Günther war, der in das Schlafzimmer
stürzte, den hinter einem Schrank versteckten Hans Stephan erschoss und sich
selbst die Pistole an die Schläfe setzte, warum Hilde Scheller und Paul Krantz
den Morgen überlebten - all dies fällt seinen letzten Ursachen, will man ehrlich
sein, ins Reich der Spekulation. "Die Vorgänge während der Nacht sind nicht
völlig geklärt worden", stellte auch Landgerichtsrat Dust fest, als er Paul
Krantz am 20. Februar 1928 von allen Vorwürfen frei sprach. Für das, was
geschah, gibt es nur Anhaltspunkte. Verstreut sind sie, verwirrend und zuweilen
chaotisch - gerade so, wie es die Gefühlswelt dieser Schüler gewesen sein muss.
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Gut möglich, dass in diesem Jahr nach langer Zeit wieder ein Teddy Award, der
lesbisch-schwule Filmpreis der Berlinale, an eine deutsche Produktion geht.
Achim von Borries Film "Was nützt die Liebe in Gedanken" (Panorama) mit Daniel
Brühl und August Diehl in den Hauptrollen rollt die so genannten "Steglitzer
Schülertragödie" aus der Weimarer Republik noch einmal auf, eine
tragisch-dramatische Dreiecksliebesgeschichte mit herausragenden Darstellern,
Drama und Leidenschaft - und das alles auch noch in poetischen Bildern.
Schöne Bilder sind auch das Handwerk des US-Starfotografen Bruce Weber, der sich
seit einigen Jahren auch als Dokumentarfilmer profiliert. In "A Letter to True"
(Panorama), einem filmischen Brief an seinen Lieblingshund True, collagiert
Weber Aufnahmen aus seinem Privatleben: schöne Menschen, jede Menge Golden
Retriever und ein Leben im Naturidyll.
Auf ganz andere Weise macht der Berliner Fotograf und Experimentalfilmer Michael
Brynntrup sein eigenes Leben zum Dauerthema seiner künstlerischen Beschäftigung.
"E.K.G. Expositus" (Forum), mit 101 Minuten sein erster abendfüllender Film,
erscheint wie eine Art Resümee seiner bisherigen Arbeiten: Mit vielfältigen
technischen Spielereien, selbstironischen Brechungen, zum Teil höchst
unterhaltsamen und humorvollen Einfällen reflektiert er das eigene Selbstbild,
aber zugleich auch die eigene künstlerische wie die mediale Auseinandersetzung.
Beim amerikanischen Filmemacher Todd Verow handelt es sich indes um bloße
Selbstinszenierung und Eitelkeit. In dem autobiografischen Spielfilm "Anonymus"
(Panorama) erlebt man den Regisseur als gelangweilten Angestellten eines
Multiplex-Kinos, der seine Erfüllung in anonymen sexuellen Begegnungen findet.
Sexuell noch deutlicher wird Bruce La Bruce. Sein neuer, in Berlin gedrehter
Film "The Raspberry Reich" (Panorama) dürfte aus zweierlei Gründen für
Diskussionen sorgen: Einerseits seine saloppe Auseinandersetzung mit dem Kult um
RAF und den Terrorismus der siebziger Jahre, andererseits durch seine
knallharten Sexszenen.
Axel Schock
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Die Morde in der Albrechtstraße
Sie waren vier Freunde, und am Ende waren zwei von ihnen tot. "Steglitzer
Schülertragödie" hieß das 1927. Am Dienstag feiert die Verfilmung auf der
Berlinale Premiere: "Was nützt die Liebe in Gedanken" von Achim von Borries. Was
geschah damals wirklich?
Von Felix Müller
Das Telefon klingelt um 7 Uhr 10. Dr. Erich Freund, Allgemeinmediziner in
Berlin-Südende, hört schon an der Stimme der Anruferin, dass etwas nicht stimmt.
Er müsse sofort zur Wohnung der Schellers kommen, in die Steglitzer
Albrechtstraße 72c, sagt die Stimme. Es sei ein Unglück geschehen. Als er zwölf
Minuten später dort eintrifft, empfängt ihn Hilde Scheller an der Treppe.
"Kommen Sie schnell", schreit sie ihm entgegen, "ich glaube, mein Bruder
stirbt!"
Es ist Dienstag, der 28. Juni 1927. Obwohl Dr. Freund seit Jahren der Hausarzt
der Familie Scheller ist, weiß er nicht, was ihn in der Wohnung der wohlhabenden
Kaufmannsleute erwarten könnte. Eigentlich dürften nur die Kinder Hilde und
Günther da sein, weil die Eltern ihren Urlaub in Kopenhagen verbringen. Der Arzt
hastet die Treppen hinauf und betritt die Wohnung. Im Schlafzimmer bietet sich
ihm ein entsetzliches Bild. In einer Nische zwischen Schrank und Wand findet er
den Körper des Kochlehrlings Hans Stephan, 19 Jahre alt, erschossen. Am Boden
liegt Hilde Schellers Bruder Günther mit einer Schusswunde in der Schläfe. Er
gibt noch Lebenszeichen von sich. Aber als der Krankenwagen eintrifft, ist er
bereits tot.
Noch eine vierte Person befindet sich in der Wohnung: Paul Krantz, Oberprimaner
an einer Oberrealschule in Mariendorf, ebenfalls 19 Jahre alt. Der schmächtige
Junge zittert ein wenig, auch ist er bleich, doch als wenig später die
Polizisten am Tatort eintreffen, erscheint er den Beamten auf eine schon
seltsame Weise ruhig.
Die rätselhaften Vorgänge an diesem Morgen werden die Zeitungen der Hauptstadt
noch für Monate beschäftigen. Schnell ist der Begriff der "Steglitzer
Schülertragödie" geprägt, und als im Februar 1928 der Prozess vor dem Moabiter
Schwurgericht beginnt, bringt die "Berliner Morgenpost" auf den Punkt, was die
Faszination des Falls ausmacht: "Liebe, Hass und Tod sind die bewegenden Mächte
in diesem Drama, das zuweilen eine schauerliche Verwirrung der Gefühle junger
Menschen aufzeigt, die ganz ihrem Triebleben nachgeben und dadurch den
gefährlichen Übergang vom Kindesalter zur Mannes- und Weibesreife nicht ohne
Schaden überstehen können."
Der Korridor vor dem Verhandlungssaal muss wegen des großen Andrangs mit Bänken
abgeriegelt werden. Vor dem Richter steht Paul Krantz. Die Anklage lautet auf
Mord.
Paul Krantz Der 19-jährige Primaner ist eine eigenwillige Figur, introvertiert
und gefühlsverhangen, zugleich erfüllt von nachtdunklen, morbiden Phantasien.
Mit dem verstorbenen Günther Scheller war er jahrelang befreundet gewesen. Im
Frühjahr 1927 lernte er dessen Schwester Hilde kennen und verliebte sich in sie.
Dem Landgerichtsdirektor Dust liegt ein Gedicht vor, das Krantz seiner Liebe
gewidmet hat, es ist lange vor der Tat entstanden: Auf dem Boden liegt die
Leiche/meines Freundes Robert Krause./Aus der Wunde sickert langsam/Rotes Blut
zur grauen Erde./Neben ihm sitzt stieren Blickes/Er, der ihn gemordet hat/Es
verglimmt die Zigarette/Zitternd in der Mörderhand. Am Montagabend hatte Paul
mit Hilde geschlafen, draußen im Sommerhaus der Schellers in Mahlow. Am
Dienstagabend muss er sie mit Hans Stephan im Schlafzimmer angetroffen haben.
Und solche Gedichte habe er geschrieben, erklärt Paul, um zu zeigen, dass er
ebenso form- und reimlos dichten könne wie sein großes Vorbild, wie Klabund.
Landgerichtsdirektor Dust schweigt und vergräbt sein Gesicht in seiner rechten
Hand.
Hans Stephan Viel wissen wir nicht über Hans Stephan, der in jener Juninacht
ermordet wurde. Der Roman "Der Selbstmörder-Klub" von Arno Meyer zu Küingdorf,
vor einigen Jahren erschienen, zeichnet ihn als weichen und gleichwohl
aufdringlichen Charakter mit "verdutztem Babygesicht". Sicher lässt sich heute
sagen, dass Hans Stephan, Kochlehrling aus Friedenau, am Abend vor der Tat mit
Hilde Scheller verabredet war. Sie wollten sich allein in der Wohnung von Hildes
Eltern treffen - die waren im Urlaub, und Hildes Bruder Günther und sein Freund
Paul wollten die Nacht eigentlich in Mahlow verbringen.
"Ich stand am Fenster und wartete", sagt Hilde Scheller vor Gericht, "da sah ich
Günther und Paul kommen. Das war mir unangenehm, denn Hans Stephan und Günther
waren verfeindet."
Landgerichtsdirektor Dust mag ins Grübeln verfallen sein. Verfeindet? Hans
Stephan und Günther?
Die Steglitzer Schülertragödie war mehr als ein Eifersuchtsdrama. Sie reichte in
Tiefen, in die die Weimarer Öffentlichkeit des Jahres 1927 eigentlich nicht
blicken wollte. Die "Berliner Morgenpost" sprach von einem "grellen
Schlaglicht", "das diese Tragödie auf die geistige und moralische Verfassung
eines Teils der heranwachsenden Jugend wirft". Und im Zentrum des Lichtkegels
stand ein Geschwisterpaar: Hildegard Scheller, Hilde genannt. Und ihr Bruder
Günther.
Hilde Scheller
Wenn sich etwas mit Gewissheit über Hilde Scheller sagen lässt, dann wohl, dass
sie mit ihren 16 Jahren bereits einen sehr starken Reiz auf Männer ausgeübt
haben muss. Sie tritt vor Gericht als Hauptzeugin auf. Von Paul Krantz bekam sie
regelmäßig fiebrige Gedichte: Die wilde Glut in Deinen Küssen/entfachte meine
Leidenschaft. Und auch Hans Stephan wollte sich nicht von ihr lossagen. Nach
ihrem Auftritt vor Gericht räumt die Berliner Lokalpresse für Hilde ihre
Titelseiten leer. Sie steht selbstbewusst, ruhig und gefasst vor dem Richter,
und doch fühlt sie sich in die Ecke gedrängt. In ihrer Not schreibt sie an Karl
Kraus, und der wiederum schimpft in seiner "Fackel" über "die Hetzjagd auf ein
junges Mädchen", das sittlich jedoch "noch turmhoch über dem Babel" stehe,
"dessen Honoratioren sich da des Sittenamts vermessen." Tatsächlich werden die
Gemüter immer erhitzter, das Geschrei im Blätterwald von Tag zu Tag lauter. Ein
entscheidender Grund liegt in dem, was Hilde Scheller über ihren Bruder erzählt.
Günther Scheller
Schon zu einem frühen Zeitpunkt des Prozesses war in den Zeitungen das Wort von
den "anormalen Neigungen" Günther Schellers aufgetaucht. Gemeint war etwas aus
heutiger Sicht sehr Normales: Seine Homosexualität. Sanitätsrat Magnus
Hirschfeld, als Sachverständiger vor Gericht geladen, fragt Hilde, ob es wahr
sei, dass Günther oftmals in der Kleidung der Schwester spazieren gegangen sei
und "als Dame frisiert ins Damenbad in Mahlow". Sie bejaht: "Das war ekelhaft,
aber es sah nicht weibisch aus". Günther Scheller fuhr verschiedentlich mit
Männern in den Urlaub. Vor seinem Vater versuchte er seine Neigung geheim zu
halten - bis Hans Stephan diesem offenbar davon erzählte. Ohne dieses Detail
kann die entscheidende Frage nicht beantwortet werden: Was genau geschah am
Morgen des 28. Juni 1927 in der Albrechtstraße 72c in Berlin-Steglitz?
Eigentlich hatten Günther und Paul die Nacht im Mahlower Sommerhaus verbringen
wollen. In emotionalem Überschwang hatten sie sich gemeinsam in morbide
Phantasien hineingesteigert, die in wilden Selbstmordgedanken gipfelten -
verstärkt noch von dem Revolver, den Paul mit sich trug. Spontan entschieden
sich die Freunde, zur Steglitzer Wohnung zurückzukehren. Dort bemerkten sie die
Anwesenheit Hans Stephans, der sich mit Hilde Scheller ins Schlafzimmer
zurückgezogen hatte. Paul Krantz mag von Eifersucht geplagt gewesen sein,
Günther von wildem Hass auf den Verräter. Und so muss er entstanden sein: Der
Plan, alle vier zu töten, nacheinander. Ein kollektiver Selbstmord. Ein Exzess.
Eine Tragödie.
Warum es schließlich am frühen Morgen Günther war, der in das Schlafzimmer
stürzte, den hinter einem Schrank versteckten Hans Stephan erschoss und sich
selbst die Pistole an die Schläfe setzte, warum Hilde Scheller und Paul Krantz
den Morgen überlebten - all dies fällt seinen letzten Ursachen, will man ehrlich
sein, ins Reich der Spekulation. "Die Vorgänge während der Nacht sind nicht
völlig geklärt worden", stellte auch Landgerichtsrat Dust fest, als er Paul
Krantz am 20. Februar 1928 von allen Vorwürfen frei sprach. Für das, was
geschah, gibt es nur Anhaltspunkte. Verstreut sind sie, verwirrend und zuweilen
chaotisch - gerade so, wie es die Gefühlswelt dieser Schüler gewesen sein muss.
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